Die Welt ist verrückt.

Manchmal, wenn ich spazieren gehe, muss ich darüber nachdenken, in was für einer verrückten Welt wir eigentlich leben. Nicht politisch oder gesellschaftlich, sondern technisch. Für alle von uns ist es ganz normal, dass wir beim Spazieren gehen über unsere Kopfhörer Musik hören und unsere Aktivität von unserer Uhr tracken lassen. Es mag nicht jede Person sich diesen Luxus leisten können oder wollen, aber verrückt ist daran eigentlich nichts. Oder?

Nun, wir hören nicht nur Musik, wir streamen sie in der Regel. Unser schlauer Stein in der Hosentasche versendet wie durch Magie über die Luft Tausende von Informationen in Millisekundenschnelle an ein hunderte Meter entferntes Stück Metall, welches diese Wellen blitzschnell verarbeitet, interpretiert und über Impulse und Glas an viele weitere Geräte schickt, oftmals tausende von Kilometern entfernt, über Umwege, Ländergrenzen, Ozeane und Berge, nur um irgendwo in einem großen Gebäude voller Metall und Stein eine in Magneten oder Strom kodierte Information, aufgeteilt in millionen Einzelteile - euer Lied - anzufragen. Natürlich müssen es die richtigen Millionen sein, zwischen Milliarden anderer Bits. Nach unzähligen Operationen, Schaltungen und Impulsen landet diese Information dann über denselben (oder einen völlig anderen!) Weg komplett automatisch im Bruchteil einer Sekunde wieder bei euch in der Hosentasche. Ohne, dass ihr auch nur irgendetwas davon mitbekommt oder auch nur ein Kabel an eurem Körper tragt.

Aber natürlich hört es dort nicht auf. Das Lied wird dann oftmals ebenfalls über die Luft in Echtzeit an eure Kopfhörer (manchmal sogar zweimal - für jeden Kopfhörer einmal) übermittelt. Wieder Millionen an Informationen in wenigen Sekunden, ganz automatisch und mühelos, während ihr in Bewegung seid. Gleichzeitig wandeln die Kopfhörer das Lied in wieder andere elektrische Impulse um, welche kleine Trommeln in Bewegung bringen, die plötzlich Gitarren, Schlagzeuge, Stimmen und ganze Orchester ersetzen - nur für euch in eurer kleinen Welt. Manchmal werden gleichzeitig sogar noch durch ein oder mehrere Mikrofone in euren nur fingergroßen Kopfhörern die Umbebungsgeräusche durch aufwendige Rechenoperationen herausgerechnet, das Lied noch vor dem Abspielen angepasst und euch so das Empfinden vermittelt, nichts von der Außenwelt zu hören, obwohl das eigentlich eine Lüge ist.

All das, während die Kopfhörer darauf warten, dass ihr sie anfasst, oder das magische Wort sagt, um den smarten Assistenten zu aktivieren. Während die Kopfhörer mehrere Male pro Sekunde durch Sensoren prüfen, ob sie aus den Ohren entfernt wurden, um die Musik zu stoppen, wird auch gleichzeitig die Bewegungen verfolgt, um den Ton so anzupassen, damit es scheint, als würde die Tonquelle nicht mitbewegt. Angetrieben durch nichts weiter als eine winzigkleine, wiederverwendbare Stromquelle, die das ganze Spiel über Stunden fast unermüdlich mitmachen kann, und nach nur wenigen Minuten wieder einsatzfähig ist.

Und als wäre das nicht genug, rechnet ein Computer, kleiner als ein Fingernagel, und weit leistungsfähiger (und energiesparender) als der Computer der Apollo 11, geschnallt an euren Arm, nicht nur eure Bewegung in Echtzeit aus, sondern auch euren exakten Ort irgendwo auf dieser Welt auf nur wenige Meter genau, durch das Empfangen von Informationen aus mehreren Winkeln des Weltalls. Einfach so. Und natürlich jederzeit bereit, dem Smartphone zu sagen, dass es doch bitte die Musik aus, leiser oder lauter machen soll, was dieses natürlich gerne sofort an die Kopfhörer weitergibt. Ihr müsst nur mit eurem Finger sanft auf das Glas fassen, oder eure Stimme erheben.

Ja, nur, damit wir beim Spazieren gehen Musik hören können. Verrückt.


Beitragsbild von Ketut Subiyanto von Pexels

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