Mimimiminderheiten: Über Extremismus, Demokratie, Diskriminierung und Meinungsfreiheit

Jeder ist in der Minderheit, zumindest in einigen Bereichen. Die einen sind zu groß, die anderen zu klein. Manche sind zu dick, manche zu dünn. Manche haben rote Haare, manche eine zu große Nase. Manche sind Juden, manche Muslime. Manche sind schwul, manche sind lesbisch. Worauf ich hinaus will: Jeder Mensch ist Teil vieler Gruppen, die man als Minderheit ansieht. Das hat automatisch zur Folge, dass man in der Schule - und immer mal wieder im Erwachsenenleben - mit dieser Minderheit konfrontiert wird.

Ich habe als Kind oft zu hören bekommen, dass ich dick sei, und dass mein Name komisch ist. "Allahu Akbar" haben sie geschrien. Und "Schüttel deinen Speck" gesungen. Und auch heute muss ich mir immer wieder Kommentare zu meinem Namen anhören, oder dazu, dass ich mit 23 recht große Geheimratsecken habe.

Ob mich das in meiner Kindheit belastet hat? Definitiv. Würde ich das nochmal haben wollen? Absolut nicht. Würde ich mich als Mobbing-Opfer bezeichnen? Ein wenig. Habe ich selbst auch gemobbt? Selbstverständlich. Das war mir damals nicht bewusst. Ich habe halt Witze über die anderen gemacht. Dass sie das verletzt hat, habe ich erst später gemerkt, genau wie diejenigen, die mich gemobbt haben, das größtenteils gar nicht mitbekommen haben. Ihnen hat das Spaß gemacht. Dass mich das verletzt hat, haben sie nicht gemerkt. Wir waren halt Kinder.

Mache ich heute Witze über meinen Arbeitskollegen, weil er eine Glatze hat? Ja. Macht er Witze über mich, weil ich mir ständig Dinge auf Amazon bestelle? Ja. Verletzt es uns? Ich hoffe nicht, es macht zumindest nicht den Eindruck.

Was ich damit sagen will: Jeder macht irgendwann Witze auf Kosten anderer und kann nie genau einschätzen, ob oder wie sehr es denjenigen verletzt. Aber das ist ganz normal und - wie ich im Nachhinein finde - auch wichtig. In einer Welt, in der niemand niemanden verletzt und jeder zu jeder Zeit freundlich zu jedem ist, gibt es keine Bewegung. Es werden keine Diskussionen geführt, weil keiner den anderen reizen möchte. Niemand würde mehr etwas fragen, weil es unangebracht sein könnte. Niemand sagt mehr seine Meinung, weil sie jemanden verletzen könnte.

Einer meiner Gedankengänge, als ich letztens Bahn fuhr, war wie folgt: "Wo darf ich hingucken? Auf keinen Fall den Schwarzen angucken, sonst denkt er ich wäre ein Rassist. Und bloß nicht die junge Frau hier angucken, sonst denkt sie ich wäre pervers. Und nicht den Penner angucken, ich will ihn ja nicht abwerten! Und die alte Frau auch nicht, ich habe ja kein Problem mit Rentern. Aber den weißen Mann auch nicht, am Ende denkt er, ich würde ihn für schwul halten. Wo darf ich hingucken?" - Den Gedanken könnte man noch weiter führen. Ist es in Ordnung, dass ich die Bäume durch das Fenster angucke? Was, wenn sie sich beobachtet fühlen? Darf ich das?

Ich habe das Gefühl, dass wir immer mehr auf eine Welt zusteuern, in der Political Correctness über allem steht. Immer häufiger machen Artikel im Netz (zumindest in meiner Filterblase) die Runde, in der eine arme Minderheit sich beklagt und darüber meckert, wie schwer sie es doch im Leben hat.

Beachtet mich! Ich habe es schwer! Ihr anderen alle habt es so leicht. Ich armer Mensch!

Ich schreie nicht so laut, trotzdem hab auch ich es schwer. Zugegeben, der eine hat es bestimmt schwerer als der andere, und es gibt definitiv Leute, die haben es in dieser Gesellschaft viel zu schwer und sollten gehört werden, aber trotzdem frage ich mich: Ist es gerecht, dass derjenige, der am lautesten schreit, am ehesten gehört wird?

Damit verbunden ist auch die Frage, welche Auswirkung das auf die Gesellschaft im Allgemeinen hat. Meine Behauptung ist: Je mehr sich über die Kleinigkeiten im Leben aufgeregt wird, desto mehr wird die Meinungsfreiheit eingeschränkt. Das klingt paradox, aber meine Argumentation lautet wie folgt:

Jedes Mal, wenn sich jemand über eine Kleinigkeit aufregt und aufzeigt, wie sehr ihn das verletzt, gibt es viele Leute, die sich darüber Gedanken machen und zu dem Schluss kommen: "Stimmt. Das sollte ich unterlassen." Mit jedem dieser Entschlüsse schränkt man sich etwas weiter ein. Nehmt das Beispiel mit der Bahn. Statt dort hin zu sehen, wo ich eigentlich hingucken würde (ich weiß gar nicht mehr, wo das wäre), achte ich nur noch darauf, nirgends mehr hinzugucken. Ich überlege dreimal, ob jetzt Mohrenkopf, Schokokuss oder Schaumkuss das richtige Wort ist, welches ich verwenden darf, und ich traue mich schon gar nicht mehr "Scheiße" zu sagen - es könnte ja ein Kind zuhören. Ich möchte doch niemandem auf die Füße treten.

Jede dieser Einschränkungen führt dazu, dass die Menschen, die sowieso schon Empathie zeigen und versuchen, den Mitmenschen nicht negativ aufzufallen, noch vorsichtiger werden und lieber einen kritischen, aber vielleicht wichtigen Satz zu wenig sagen. Nur, damit niemand verletzt wird. Im Umkehrschluss werden die Extremisten und die, denen es schon seit Anfang an an Mitgefühl fehlt, lauter. Ihnen sind Artikel über die nächste Minderheit, die sich nicht gehört fühlt, egal. Die treten in den Kommentaren nochmal nach. Und die sind es auch, die sich nicht den Mund verbieten lassen - aber von wem denn auch? Der mit der Moral verbietet ihm den Mund ja sowieso nicht - man könnte ja die Gefühle verletzen. Lasst ihn also reden, jeder hat das Recht auf seine eigene Meinung. Doch sollen wir diese Leute reden lassen? Und viel wichtiger, sollen wir uns von diesen Leuten den Mund verbieten lassen?

Schon sind wir in der Spirale gefangen, die dafür sorgt, dass die Extremisten extremer und die Empathiker empathischer werden. Und ich habe keine Lösung dafür. Wie man es macht, macht man es falsch. Extremisten das Wort verbieten ist keine Lösung - man ist dann nicht besser als die Extremisten selbst. Wer entscheidet was richtig ist, und was falsch ist? Wenn wir in einer Demokratie leben, aber Parteien wie die NPD verbieten, ist es dann noch eine Demokratie? Andererseits: Wenn wir ihnen freien Lauf lassen und sie die Mehrheit der Wähler überzeugen, sie zu wählen... ist das dann in Ordnung? Hat dann die Mehrheit entschieden? Oder müssen wir die Demokratie schützen, auch wenn die Mehrheit vielleicht dagegen wäre? Aber vor wem und wieso schützen wir sie dann? Wie also damit umgehen? Ist es richtig, Hater zu ignorieren, oder sollte man sie bekämpfen? Ist jede Werbung gute Werbung?


Bitte versteht mich nicht falsch. Ich bin nicht der Meinung, dass Mobbing okay ist und dass Minderheiten diskriminiert werden dürfen. Ich finde auch, dass wir eine Grundsatzdiskussion darüber führen sollten, wie Minderheiten behandelt werden. Trotzdem darf man aber nicht vergessen, dass wir in der Vergangenheit schon große Fortschritte in diese Richtung gemacht haben, und dass die aktuelle Taktik - wer am lautesten schreit, wird gehört - meiner Ansicht nach nicht die Richtige ist und uns vom Pfad abbringt. Wenn die Minderheit plötzlich mehr bevorzugt wird, als die Mehrheit, dann ist das auch nicht richtig.

Der Grundsatz einer jeden Demokratie ist, dass die Mehrheit gewinnt. Das, was die Mehrheit des Volkes möchte, soll passieren. Das ist per Definition erst einmal schlecht für Minderheiten - aber nur so funktioniert es. Das bedeutet nicht, dass Minderheiten immer im Nachteil sind. Wenn genug Leute davon überzeugt sind, dass zum Beispiel Leute mit Behinderung extra Parkplätze erhalten sollen, dann kann eine Demokratie dies entscheiden. Dabei muss aber nicht die Mehrheit der Bevölkerung behindert sein, es muss nur die Mehrheit dafür sein, dass das gerecht ist. Wenn aber die Mehrheit der Meinung ist, dass etwas nicht wichtig ist, dann muss sich die Minderheit entsprechend organisieren. Oder?

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