Stell dir vor es ist Krieg, und keiner kriegts mit

Willkommen im Entwicklungsland Deutschland. Das Land, um das der technologische Fortschritt seit Jahrzehnten gekonnt einen Bogen macht und uns in internationalen Rankings reihenweise abstuft. Egal, ob es um die Internetanbindung, den Mobilfunkausbau oder Frühwarnsysteme geht. Über letzteres möchte ich hier einmal reden.

Gerade lese ich den Techno-Thriller BLACKOUT - Morgen ist es zu spät*. Ein sehr gut recherchiertes Buch, das in einem fiktiven Szenario aufzeigt, wie die Welt aussehen würde, wenn es einen europaweiten Stromausfall gäbe, der einige Tage anhält. Das Buch allerdings hat nur indirekt etwas mit dem Thema hier zu tun, regt aber zum Nachdenken an, da es, wie schon erwähnt, sehr gut recherchiert und entsprechend realistisch ist. Zusammen mit dem Buch Cyberwar - die Gefahr aus dem Netz*, einem Buch der CCC-Sprecher Constanze Kurz und Frank Rieger, ergibt sich dadurch aber ein ganz gutes Bild, wie zukünftige Kriegsführung aussehen würde.

Ganz selbstverständich dürfte sein, dass jeder Krieg, ob Cyber oder nicht, mit einem Angriff auf die Infrastruktur anfängt. Wenn der Strom weg ist, ist das Land deutlich geschwächt und der Angreifer hat einen wesentlichen Vorteil. Besonders erschwert wird dadurch nämlich die Kommunikation mit dem Volk, welche im Angriffsfall natürlich elementar ist, da sonst auch eine Gefahr von innen besteht, durch Gerüchte, Angst und Gier.

Zufälligerweise habe ich, da ich momentan in den Niederlande sitze, heute einen Probealarm der niederländischen Behörden per NL-Alert erhalten:

NL-Alert

Es handelt sich dabei um das Wireless Emergency Alerts-System aus den USA, das an die lokalen Bedürfnisse angepasst wurde. Da es ein eigentlich weltweiter Standard ist, ist diese Art der Benachrichtigung von allen großen Smartphone-Herstellern implementiert. Ein solcher Alert kann also per Broadcast an alle Teilnehmer eines Funkmastes geschickt werden. Dadurch ist es sehr einfach möglich, breite Teile der Bevölkerung zu erreichen, aber auch gezielt (zum Beispiel im Falle einer Evakuierung) standortbasierte Informationen zu übermitteln.

Daraufhin habe ich mich mal gefragt, wie das Ganze in Deutschland aussieht. Eine entsprechende Test-Warnung habe ich noch nie erhalten, obwohl man doch meinen müsste, dass man gerade als Kölner sehr oft von solchen Meldungen betroffen sein sollte. In Köln wird mehrmals im Monat eine alte Weltkriegsbombe gefunden, welche dann entschärft werden muss. Mit der NINA-App, die man sich freiwillig auf sein Smartphone installieren kann, bekommt man dann zweimal im Monat die Nachricht, dass in Köln wieder ein Bombenfund stattgefunden hat, und man mit der Evakuierung der Leute in einem bestimmten Radius beginne.

Das klingt ja alles schon mal ganz sinnvoll und ist eigentlich auch so, wie man es sich vorstellt: Man bekommt für den aktuellen Standort, sowie für Orte, die man vorher festlegen kann, Warnmeldungen. Darunter Unwetterwarnungen, Meldungen bei Bombenfund, Hinweise die Fenster geschlossen zu lassen, wenn in der Nähe eine Fabrik explodiert ist, kurzum, alles, worüber man informiert werden möchte, wenn einem das Leben lieb ist. In meinen zwei Jahren, in denen ich diese App verwendet habe, habe ich für alle drei Orte, die ich abonniert habe, erstaunlich oft Warnmeldungen bekommen, die mir vorher völlig fern geblieben sind.

Und hier liegt das erste Problem: So etwas sollte nicht freiwillig sein. Wenn neben mir eine Chemiefabrik brennt und giftiger Rauch austritt, will ich das wissen, auch wenn ich keine komische App vom Bund auf meinem Smartphone habe. Und zwar auch dann, wenn ich meine Standortdienste deaktiviert habe oder gerade nicht im Internet bin.

Damit wären wir dann auch beim zweiten Problem: Bei einem kriegerischen Angriff ist das erste, was nicht mehr funktioniert, der Strom, und damit auch das Internet. Die Smartphones haben noch Akku, und auch die Funkmasten sollten in den ersten Stunden mit Notstrom versorgt werden. Von einer Netzauslastung kann man aber trotzdem ausgehen, weshalb NINA selbst über LTE (sofern es denn im Entwicklungsland Deutschland mal verfügbar ist) vermutlich nicht unbedingt fabelhaft funktionieren wird. Sprachanrufe werden schließlich priorisiert.

"Na gut, dafür gibt es ja die Sirenen in Deutschland. Dann kann man ja Fernseher oder Radio an machen", sagt ihr jetzt? Mag sein. Aber wer hat schon einen Fernseher, der auch mit Akku betrieben werden kann, oder überhaupt noch ein Bild anzeigt, wenn das Internet weg ist? Und Radio? Hat man sowas noch? Im Auto vielleicht. Aber sonst... ich hatte zumindest kein Radio zuhause rumstehen, und das Auto ist mittlerweile auch verkauft.

Glücklicherweise hat auch die EU erkannt, dass das Sirenen-Warnsystem nicht mehr unbedingt zeitgemäß ist, und eine Richtlinie zum Thema EU-Alert erlassen, die die Mitgliedsstaaten dazu auffordert, ein entsprechendes Warnsystem zu implementieren, welches genau so funktioniert, wie man es sich wünscht (und in den Niederlanden aktuell schon existiert): Hoch priorisiert über die Funkmasten, unfreiwillig an jedes Smartphone, das dort eingewählt ist, unabhängig von der Verfügbarkeit des Internets. Wundervoll.

Problem: Die EU ist wie immer langsam und hat erst 2018 geschnallt, dass Radios nicht mehr so die neueste Erfindung sind. Dementsprechend haben sie den Mitgliedsstaaten bis 2022 Zeit gelassen, den EU-Alert zu implementieren. Und wie wir Deutschland kennen, wird sich die lokale Politik bis zur letzten Stunde Zeit lassen, diese Richtlinie umzusetzen. Aktuell, im Dezember 2019, sehe ich zumindest keine Anzeichen eines auch nur annähernd funktionierendes Systems.

Ja, dann hoffen wir mal, dass in den nächsten zwei Jahren keine lokale Katastrophe ausbricht. Zum Glück ist das Klima und die politische Lage momentan stabil...

* = Affiliate-Links. Vielen Dank :-)

Titelfoto von Oleg Magni aus Pexels

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